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Vorsicht beim Jobwechsel - Lassen Sie sich nicht verführen

Unzufrieden im Job? Dann lautet der Standard-Ratschlag vieler selbsternannter Karriere-Coaches: Auf zu neuen Ufern. Das ist bei den allermeisten Betroffenen allerdings ein Fehler. Seit über 20 Jahren berate ich Fach- und Führungskräfte bei ihrer Karriereplanung. Aus meiner täglichen Arbeit sind mir leider viel zu viele Fälle bekannt, bei denen genau dieser Job- oder sogar ein kompletter Berufswechsel zu massiven Problemen geführt hat – bis hin zum kompletten Absturz in die Arbeitslosigkeit. Denn: So verlockend ein Neustart auch klingen mag, nur in Ausnahmefällen führt er auch wirklich zum gewünschten Erfolg.

 

Warum sehnen sich so viele Menschen nach einem Jobwechsel? Oder wollen noch einmal etwas komplett Neues ausprobieren? Die am häufigsten genannten Gründe sind offensichtlich: eine allgemeine Unzufriedenheit, Überlastung, das schlechte Verhältnis zu Kollegen oder Vorgesetzten, eine mangelnde Perspektive und nicht selten auch die berühmte Midlife-Crisis. In den allermeisten Fällen verbirgt sich dahinter jedoch nur eine Fehl-Interpretation des bestehenden Arbeitsverhältnisses.

Die Erklärung liefert die Wahrnehmungspsychologie. Sie besagt, dass Menschen Privilegien und Positives sehr schnell als selbstverständlich ansehen. Das, was man nicht hat oder was einen stört, wird dagegen besonders bewusst und stark wahrgenommen. Das Resultat: Eine ständige Unzufriedenheit. Das ist einfach menschlich und lässt den Wechsel plötzlich so attraktiv erscheinen.

Dabei – und auch das ist menschlich – blenden viele die möglichen Risiken einfach aus. Nur selten ist das sprichwörtliche Gras auf der anderen Straßenseite von Nahem betrachtet auch wirklich grüner. Und was ist, wenn der neue Arbeitgeber in eine Schieflage gerät? Dann müssen fast immer die Neuen als erste gehen. Auch der häufig geäußerte Wunsch nach Selbstständigkeit endet häufig in Frustration, denn nicht jeder eignet sich als Chef. Viele verzweifeln an der hohen Verantwortung oder es gehen ihnen die finanziellen Mittel aus. Und wer sich mit 40 oder 50 einen komplett neuen Beruf einbildet und diesen erlernt, sollte sich bewusst sein, dass er anschließend mit jungen Berufseinsteigern um eine Anstellung kämpfen wird.

Es ist erschreckend, wie schnell und unreflektiert viele so genannte Coaches ihren Klienten zu einem Jobwechsel raten. Diese sehen sich in ihren Ideen bestätigt und stehen dann häufig wenig später vor einem Scherbenhaufen.

Ich rate darum, die Ist-Situation zunächst genau unter die Lupe zu nehmen und Veränderungen in Ruhe und mit System herbeizuführen.

Für alle im Job Unzufriedenen habe ich eine Checkliste entwickelt:

  1. Definieren Sie das eigentliche Problem: Können Sie Ihre Unzufriedenheit konkret benennen? Zum Beispiel: Ich verdiene zu wenig. Mein Arbeitsweg ist zu lang. Ich fühle mich überfordert. Meine Tätigkeit langweilt mich.

  2. Seit wann haben Sie das Gefühl, dass etwas nicht stimmt? Schon seit Beginn Ihres Berufslebens? Seit Sie die Branche gewechselt haben? Seit Sie einen neuen Chef haben? Seit Ihr Kollege gekündigt hat? Seit Sie Probleme in Ihrer Beziehung haben?

  3. Wie äußert sich das Problem? Denken Sie nur ab und zu darüber nach, dass Sie Ihren Job ja schon sehr lange ausüben und dass es eigentlich Zeit ist, „etwas zu ändern“? Können Sie nachts nicht einschlafen und grübeln? Waren Sie in letzter Zeit öfter krank?

  4. Wann tritt die Unzufriedenheit auf? Schon morgens auf dem Weg zur Arbeit? Immer, wenn Ihr Chef Ihren Kollegen lobt? Immer, wenn Sie bestimmte Aufgaben erledigen müssen?

  5. Gibt es Verdachtsmomente dafür, dass es eigentlich um etwas anderes geht? Stehen Sie zum Beispiel vor einem runden Geburtstag? Sind Sie mit Ihrem Privatleben unzufrieden? Versuchen Sie womöglich, Ihr schwaches Selbstwertgefühl durch beruflichen Glanz aufzupolieren?

  6. Überprüfen Sie Ihre Einstellung zum Beruf: Welche Bedeutung räumen Sie ihm für Ihr Leben ein? Ist der Job Ihr Leben, Ihre Berufung? Warum? Was erwarten Sie sich konkret davon?

  7. Nehmen Sie Ihre Familie unter die Lupe: Gibt es hier Parallelen? Abschreckende Beispiele? Was können Sie daraus lernen?

  8. Reden Sie mit Ihren Freunden über deren Jobs: Wie geht es ihren Freunden im Berufsleben, was finden sie positiv oder negativ? Wie schneidet Ihr eigener Job im Vergleich dazu ab?

  9. Haben Sie schon einmal versucht, etwas zu verändern? Was und mit welchem Ergebnis? Gab es eine Verbesserung? Ist das Ganze nur noch schlimmer geworden? Welche Schlüsse können Sie daraus ziehen?

  10. Falls Sie Ideen haben, was Sie gerne machen würden: Haben Sie eine Vorstellung davon, was es konkret bedeutet, in diesem Bereich zu arbeiten? Woraus begründet sich diese Vorstellung? Sind das verlässliche Informationen? Haben Sie sich schon einmal mit Personen unterhalten, die das tun, was Sie interessiert?

Wer sich diese Fragen in einer ruhigen Minute stellt und ehrlich für sich beantwortet, erkennt besser, was sein eigentliches Problem ist. Dann kann er versuchen, es mit System zu lösen. Manche Klienten sahen ihr Berufsleben sogar in einem ganz anderen Licht. Plötzlich erschien ihnen alles gar nicht mehr so dramatisch. Sie entschieden sich bewusst für ihren alten Job und waren wieder zufrieden.

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Die Münchner Diplom-Psychologin Madeleine Leitner berät Menschen in beruflichen Umbruchsituationen. Nach einigen Jahren Berufserfahrung als Psychotherapeutin in einer psychosomatischen Klinik und als Gerichtsgutachterin arbeitete sie lange als Personalberaterin. Sie absolvierte Ausbildungen bei den führenden Karriereberatern in den USA, London und Genf und war Pionier für Karrierethemen in Deutschland. Mit Büchern, Vorträgen und Expertenbeiträgen gibt sie bis heute viele Impulse im deutschsprachigen Raum. Nähere Informationen unter www.karriere-management.de

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