Chefarzt: Mediziner oder Manager?

Veröffentlicht: Dienstag, 02. Juli 2019 15:15
Geschrieben von Helmut Lanke

Chefarzt: Mediziner oder Manager?

Chefärzte mussten schon immer einen Spagat zwischen administrativen und medizinischen Aufgaben vollziehen. Doch gerade in den letzten Jahren ist die Nachfrage nach leitenden Ärzten, die gleichzeitig auch Top-Manager sind, stetig angestiegen. Viele Chefärzte beklagen, dass ökonomische Gesetze längst den Alltag im Beruf bestimmen, dabei bringt die Entwicklung auch Vorteile mit sich.

 

Von BWL über Marketing bis HR: Diese Aufgaben sind inzwischen fester Bestandteil

Noch vor einigen Jahrzehnten waren Chefärzte vor allem für die medizinische Leitung einer Fachabteilung zuständig, während Mitarbeiter in der Verwaltung Abrechnungs- und Planungsaufgaben übernahmen. Heute reicht „bloße“ Fachkompetenz hingegen längst nicht mehr aus. Aufgrund des steigenden Wettbewerbs und Kostendrucks im Gesundheitssektor müssen sich Ärzte in leitender Funktion mit der Planung der finanziellen Ressourcen befassen und die Kosten stets im Blick behalten. Rund 70 Prozent der Arbeitszeit eines Chefarztes gehen auf das Konto von Managementaufgaben.

Darüber hinaus muss der Chefarzt nicht nur dafür sorgen, dass seine Abteilung schwarze Zahlen schreibt, sondern – wie jeder andere Manager auch – Innovationen fördern und den Ruf des Unternehmens stärken. Das erreicht er, indem er immer auf dem neuesten Stand bleibt, was die medizinische Technik angeht, und die neuesten Behandlungsmethoden kennt und auch anzuwenden weiß.

Anders als früher muss er sich zudem mit dem Thema Marketing befassen. Dies ist gleich in zweierlei Hinsicht essentiell: so zielen die Maßnahmen darauf ab sowohl die Aufmerksamkeit von Patienten als auch von Medizinern auf das Angebot des Arbeitgebers zu ziehen. Zwar besitzen viele Kliniken heutzutage eine eigene Marketingabteilung, doch die enge Zusammenarbeit mit den Chefärzten der jeweiligen Fachrichtungen ist entscheidend für ihren Erfolg.

Bezüglich des Personals kümmert sich der Chefarzt darum, jungen Mitarbeitern einen Entwicklungsrahmen zu ermöglichen. Das ist angesichts des Fachkräftemangels bei Ärzten besonders wichtig: etwa 5.000 Stellen sind 2018 in Krankenhäusern unbesetzt geblieben. Um Beruf und Privatleben besser vereinbaren zu können, entscheiden sich immer mehr junge Ärzte dafür, im ambulanten Bereich zu arbeiten. Chefärzte sind daher bemüht, flexible Modelle einzuführen, um Nachwuchs zu gewinnen.

Ein Blick in die Zukunft: Ist Teilzeit bei Chefärzten möglich?

Noch vor einigen Jahren war es indiskutabel, dass ein Chefarzt immer anwesend sein musste. Wie bei anderen Managerstellen waren und sind 60-Stunden-Wochen für viele Chefärzte keine Seltenheit. Jedoch kollidiert diese Vorstellung zunehmend mit dem Wunsch der jüngeren Generationen nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance, planbaren Schichten und möglichst wenigen Überstunden.

Als Ergebnis streben immer weniger Oberärzte nach Führungspositionen. Besonders in den Fachabteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe ist der Mangel laut Ärzteblatt deutlich spürbar. Ein Grund dafür könnte der hohe Anteil an Frauen in diesem Bereich sein. Studien wie die des Städtischen Klinikums München untermauern, dass Ärztinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weniger Bereitschaft zeigen, ihrer Karriere wegen in Vollzeit zu arbeiten. Das spiegelt sich auch in den Statistiken wider: obwohl fast 70 Prozent der Medizinstudenten und 35 Prozent der Oberärzte weiblich sind, bleibt die Chefärztinnenquote bundesweit unter 10 Prozent.

Der Ärztemangel sorgt auch in der Führungsebene für einen Mentalitätswechsel. Galt Teilzeit für leitende Ärzte als nahezu unmöglich, gibt es heute zahlreiche Angebote für Chefarztstellen, die zwischen zwei Mitarbeitern geteilt werden. Die Präsidentin des Weltärztinnenbundes Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer betonte in einem Interview mit der AOK, dass Krankenhäuser wegen der Personalengstellen in Führungspositionen künftig nicht mehr darum herum kommen werden, Frauen stärker entgegenzukommen und generell Teilzeitmodelle zu ermöglichen.

Die verringerte Bereitschaft von Ärztinnen, sich um eine leitende Position zu bewerben, deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie von Deloitte unter Millennials in verschiedenen Branchen. Demnach wünschen sich 46 Prozent der Männer, aber nur 29 Prozent der Frauen eine Führungsstelle.

Chefarzt: Der steile Weg nach oben

Der moderne Chefarzt ist erfahrener Mediziner, Betriebswirt und Planer in einem. Neben Fachkompetenzen sind eine hohe Belastbarkeit, Organisationstalent und strategisches Denken unverzichtbar, um die Spitze zu erreichen. Der Werdegang ist außerdem lang: nach dem sechsjährigen Medizinstudium und zwei bestandenen Prüfungen müssen Assistenzärzte ein weiteres Facharztstudium absolvieren, das fünf bis sechs Jahre dauert, und anschließend eine Oberarztstelle ergattern. Erst nach einigen Jahren Berufspraxis als Oberarzt oder Leitender Oberarzt können sie sich um eine Chefarztstelle bewerben, wenn ihre Leistungen überdurchschnittlich gut sind. Das bedeutet, dass sie selten jünger als 40 sind, wenn sie eine derartige Stelle antreten.

In einigen Krankenhäusern steht zusätzlich ein Ärztlicher Direktor über den Chefärzten der jeweiligen Abteilungen. Er kümmert sich vor allem um das Management des Unternehmens und koordiniert die jeweiligen Teams. Besonders in kleinen und mittleren Kliniken erfüllt jedoch oft ein Chefarzt auch die Aufgaben des ärztlichen Direktors. Um der hohen Verantwortung gerecht zu werden, ist meist ein zusätzliches Wirtschaftsstudium notwendig, da im Medizinstudium zu wenige betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt werden. Ein Weg für die angehenden Direktoren besteht darin, parallel zum Beruf ein Fernstudium zu absolvieren. Mittlerweile bieten zahlreiche Hochschulen berufsbegleitende Studiengänge wie „Management im Gesundheitswesen“ an, die speziell auf die Mediziner zugeschnitten sind.

Auch nach erfolgreicher Einstellung haben es weder Chefarzt noch Ärztlicher Direktor „geschafft“. Sie müssen stets hocheffizient arbeiten und sowohl für zufriedene Patienten sorgen als auch finanziell erfolgreich sein. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zeigt nämlich, dass mehr als jedes vierte Krankenhaus Jahr für Jahr einen Teil des Führungspersonals entlässt.

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